Das auch noch, als ich schon etliche Jahre in Russland verbracht und viele Flugstunden in russischen Flugzeugen absolviert hatte und wissen musste, welcher Schrott da mitunter von russischen Startbahnen abhebt. Bisher ist es immer gut gegangen, mag ich gedacht haben, und auch anderswo stürzen Flugzeuge ab. Selbst als mir vertrauenswürdige Mitarbeiter allen Ernstes berichteten, dass sie Piloten nach der Landung lallend haben aus dem Cockpit wanken sehen, war ich mindestens skeptisch - so etwas gibt es nicht mal in Russland, war meine Überzeugung.
Dann war da noch dieser Zwischenfall in Rostow, als unser Flug nach Moskau sich um mehrere Stunden verzögerte. Zusammen mit meinem Mitarbeiter verbrachte ich die Wartezeit in einem Straßencafé gegenüber dem Flughafen. Wenige Tische weiter vergnügte sich eine komplette Flugzeugbesatzung - nach Feierabend, wie ich meinte. Der geneigte Leser ahnt schon, was jetzt kommt. Tatsächlich handelte es sich um unsere Besatzung, die dann später auch mit uns und einigem Klamauk die Sicherheitskontrollen im Business-Bereich zu passieren versuchte. Zumindest einen der Piloten ließ man nicht durch, denn er war, für jedermann ersichtlich, total betrunken. Wahrscheinlich wurde dann die ganze Crew komplett ausgetauscht, denn keinen der Damen und Herren sah ich anschließend auf dem Flug. Wie dem auch sei - mein Grundvertrauen in die russische Flugsicherheit konnte auch dieses Erlebnis nicht nachhaltig erschüttern.
Neulich kam es in Perm, im nördlichen Ural, zu einem Aufsehen erregenden Zwischenfall. Eine Boeing 737 von Aeroflot-Nord mit 88 Passagieren an Bord stürzte im Landeanflug ab. Niemand überlebte das Unglück. An Bord war ein Mensch, mit dem ich vor Jahren mal zu tun hatte. Die Zeitungen schrieben über ihn. Wahrscheinlich deshalb habe ich alle Meldungen zum Hergang und zur Aufklärung der Ursachen besonders aufmerksam verfolgt. Erwähnenswert übrigens die Offenheit, mit der russische Medien über die Katastrophe und das ganze Drumherum berichteten. Zum Beispiel wurde bekannt, dass zwei Milizangehörige zu Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie mit den bei den Absturzleichen sichergestellten Wertsachen einen schwunghaften Handel aufgezogen hatten.
Bemerkenswert indes auch die Entstehung des Unglücks in der Darstellung der Medien. Zunächst hieß es, kein Wunder, die zwölf Jahre alte Boeing sei kurz zuvor von einer chinesischen Airline übernommen worden und in einem entsprechend desolaten technischen Zustand gewesen. Sie musste quasi abstürzen. Das schreibe ich auf einem Flug nach Irkutsk in einer Boeing 767, die ihre besten Jahre im Sultanat Brunei bereits hinter sich hat und nun bei S7 ihr Gnadenbrot frisst. Ich gebe zu, dass mich die Monitoreinblendungen “Royal Brunei” mit nachmaliger schematischer Darstellung der geografischen Lage von Mekka zur aktuellen Position des Flugzeuges irritieren.
Zurück zum Unglücksflug Moskau-Perm. Es gab tatsächlich eine Untersuchungskommission, die den Unglückshergang u.a. anhand der Flugschreiberaufzeichnungen zu analysieren hatte. Deren vorläufiger Abschlussbericht jagte mir dann schon einen Schauer über den Rücken. Die Boeing befand sich im Endanflug auf Perm, als sie vom Tower aufgefordert wurde, abzubrechen und neu anzufliegen, weil eine Lufthansa-Maschine mit Vorrang zum Start rollte.
Dass dieses Ereignis mit dem “Ausländer” dann zum Auslöser der fatalen, zum Absturz führenden Ereigniskette qualifiziert wurde, sei nur am Rande erwähnt. Es macht sich in russischen Kausalitätsdarstellungen immer gut, einen “fernen Schuldigen” zu haben.
Jedenfalls mussten die beiden Piloten des Unglücksfluges ihre zuvor im Bordcomputer gespeicherte automatische Landung abbrechen und von Hand neu anfliegen. An der Stelle bringt die Untersuchungskommission einen erschütternden Fakt: Der Kapitän übergibt die Handsteuerung an den Co-Piloten, der gerade etwas mehr als 200 Flugstunden auf dem Gerät hatte. Dessen erste Handlung - mehr Schub auf alle Triebwerke - bringt das Flugzeug dann auch aus unerklärlichem Grund in eine gefährliche Schräglage. Nur - im Cockpit ist man sich - draußen herrscht Dunkelheit - nicht einig zu welcher Seite. Sie lesen richtig - beide Piloten streiten darüber, ob sie nach links oder rechts abdriften. Das wiederum wird damit erklärt, dass Flugzeuge westlicher Bauart einen künstlichen Horizont haben, auf dem das Flugzeug still steht und sich der Horizont neigt, während sich in russischen Maschinen ein Flugzeug vor dem Horizont hin und her bewegt. In der Folge gerät die Maschine ins Trudeln und stürzt ab.
Ein wichtiger Punkt in den Untersuchungsunterlagen ist die Feststellung, dass im Gewebe des Flugkapitäns bei dessen Obduktion Alkohol nachgewiesen wurde, was noch nichts heißen muss. Die Aufzeichnungen der Cockpitgespräche auf dem Flugschreiber indes geben einen Flugkapitän wieder, der gedehnt und lallend an seinen zögernden Ersten Offizier übergibt mit den Worten: “Du siehst doch, dass ich nicht kann…”
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