Vom zweifelhaften Nutzen eines roten Botschaftskennzeichens

Vom zweifelhaften Nutzen eines roten Botschaftskennzeichens

Der Aufprall zweier menschlicher Körper hat diesen Porsche Cayenne so zugerichtet. Foto: Vesti

Wäre mir dieser schreckliche Unfall passiert, säße ich jetzt in der Zelle eines Moskauer Untersuchungsgefängnisses. Die heißen hier СИЗО - следственный изолятор - und sind für ihre unmenschlichen Haftbedingungen gefürchtet. Aus Angst vor diesem Grusel bewege ich mich möglichst unauffällig, besonders im chaotischen Moskauer Straßenverkehr.

Das folgende Video zeigt, dass es einen auch mal völlig schuldlos treffen kann. Man muss es sich mehrmals anschauen, um zu erkennen, dass ein offenbar Lebensmüder sich absichtlich vor ein Auto im fließenden Verkehr wirft. Erschütternd für mich die kollektive Teilnahmslosigkeit der an der roten Ampel wartenden Autofahrer und die lange Reaktionszeit der in unmittelbarer Nähe zum Unfallort (links unten) bereitstehenden zwei Milizfahrzeuge.

Dennoch,

in der Regel lassen Fußgänger auf Moskaus Straßen ihr Leben durch die Schuld rücksichtsloser Autofahrer. Statistisch gesehen tun sie das in unglaublichen 80 Prozent der Fälle auf Fußgängerschutzwegen - den klassischen Zebrastreifen.

Hier ist es laut Statistik also besonders wahrscheinlich, von einem Auto überfahren zu werden.

Samstagnacht letzter Woche wurde diese grausame Regel zwei Moskauer Studenten von 18 und 19 Jahren zum Verhängnis. Trotz Vollbremsung erfasste sie der Porsche Cayenne frontal mitten auf dem Zebrastreifen. Der Aufprall war von solcher Wucht, dass die beiden jungen Männer auf der Stelle tot waren und es dem Porsche den rechten Kotflügel samt Scheinwerfer einfach wegriss.

Ich wette, nicht wenige Leser denken an dieser Stelle etwas wie “typisch neureicher Russe - besoffen am Steuer und dann die Leute totfahren”. Sie liegen in diesem Fall völlig daneben. Der 31jährige Porschefahrer war deutscher Staatsbürger und bis zu diesem Moment Klassenlehrer einer zwölften Klasse an der Deutschen Schule Moskau. Die Unfallopfer hätten vom Alter her seine Schüler gewesen sein können. Auch deshalb wird er lange brauchen, das Ereignis zu verarbeiten.

Die zuständige Moskauer Staatsanwaltschaft hat jetzt ein Untersuchungsverfahren nach Paragraph 264 Strafgesetzbuch “Fahrlässigkeit im Straßenverkehr mit Todesfolge” eingeleitet. Bei Tötung von zwei und mehr Menschen drohen hier bis zu sieben Jahre Haft.

Rote Kennzeichen stehen für das diplomatische oder technische Corps von Auslandsvertretungen.

Freilich macht das Alexander und Andrej nicht wieder lebendig; ihren Hinterbliebenen jedoch würde es wohl eine gewisse Genugtuung verschaffen. Allerdings könnte ein nicht unwesentlicher Umstand verhindern, dass der deutsche Unfallfahrer überhaupt vor ein russisches Gericht gestellt wird: Der Porsche hatte ein rotes Botschaftskennzeichen, und die Kombination 002T … weist den Lehrer als Mitglied des technischen Corps der Deutschen Botschaft aus.

Es könnte also sein, dass die Feststellung eines Immunitätsstatus dazu führt, dass nicht einmal Anklage erhoben und der unglückliche Pädagoge, der jetzt in einer Sicherheitswohnung der Deutschen Botschaft untergebracht ist, mit etwas Glück einfach nach Deutschland abgeschoben wird. Irgendwie wünscht man ihm ja, dass ihm ein russischer Knast erspart bleibt. Und irgendwie fragt man sich doch: Vielleicht hätte er ohne “rote Nummer” am Fußgängerschutzweg einfach angehalten. Dann würden zwei junge Menschen heute noch leben.


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2 Kommentars »

  1. Ich verlinke hier einmal auf zwei Beiträge im Internet zu diesem Unfall, die gegensätzlicher nicht sein können.

    Die Internet-Zeitung moskau.ru stellt den Unfallfahrer am 3.12.08 unter Tödlicher Unfall war durch deutschen Fahrer unvermeidbar von jeder Schuld frei.

    Das russischsprachige Portal life.ru lässt dagegen unter Student stirbt unter dem Fenster seiner Freundin bei Verkehrsunfall die Angehörigen zu Wort kommen. Sie beschuldigen den Fahrer, mit 110 km/h rechts überholt und dabei die Studenten auf dem Zebrastreifen überfahren zu haben.

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  2. Noch kurz vor Weihnachten konnte der Unfallfahrer das Land verlassen. Die Deutsche Botschaft hat mit den russischen Behörden einen entsprechenden Deal geschlossen, der auf die Immunität des Lehrers als Dienstpassinhaber abstellt. Ermittlungsergebnisse sind bisher nicht bekannt, also steht auch nicht amtlich fest, wie es zum Unfall kam und wer die Schuld trägt. Wahrscheinlich wird das Ganze im Sande verlaufen.

    Die Deutsche Schule Moskau hat in Schreiben an die Angehörigen Ihr Mitgefühl bekundet, der Todesfahrer dem Vernehmen nach nicht.

    Focus-Online brachte noch diesen Beitrag zum Thema: Todesfahrt

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